25 Jahre Orpheum Stiftung zur Förderung junger Solisten

Zusammengestellt von Silvester Vieli, Projekt- und Geschäftsleiter der Stiftung von 1991 bis 2014

Der 23-jährige armenische Geiger Ara Malikian, aufgewachsen in Libanon und ausgebildet in Siena bei Franco Gulli und in Hannover bei Jens Ellermann, hat sein Diplom in der Tasche, internationale Wettbewerbe gewonnen und mit namhaften Orchestern konzertiert, als er 1989 zu einem Hauskonzert eingeladen wird. Im Gespräch mit dem jungen Künstler zeigt sich, dass er keine Konzertengagements in Aussicht hat, keine Agentur da ist, die ihn unterstützen könnte, und keine Beziehungen zu Konzertveranstaltern und Institutionen bestehen. Er ist einer der vielen jungen, hochbegabten und hervorragend ausgebildeten Musiker am Scheideweg zwischen Ausbildung und Karriere als Berufsmusiker, die vor der Frage stehen: Wie weiter? Aus dieser Begegnung mit dem jungen Geiger entsteht auf Initiative des Schweizer Verlegers Dr. Hans Heinrich Coninx und eines ausgewählten Kreises von befreundeten Unternehmerpersönlichkeiten die Orpheum Förderungsidee, jungen, aussergewöhnlichen Talenten aus dem Bereich der klassischen Musik eine Plattform zur Verfügung zu stellen, auf welcher sie, frei vom Stress von Jurierung und Platzierung, Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit erstklassigen Dirigenten und Orchestern sammeln, vor grossem Publikum konzertieren und Beziehungen im Musikgeschäft aufbauen können. Denn ohne ausreichende Erfahrung auf höchstem professionellem Niveau, Beziehungen und einen gewissen Bekanntheitsgrad kommen selbst die Begabtesten kaum zu Engagements, die sie künstlerisch weiterbringen. Umgesetzt wird die Orpheum Förderungsidee durch die alle zwei Jahre stattfindenden Internationalen Orpheum Musikfesttage zur Förderung junger Solisten, Extrakonzerte in den Zwischenjahren und Kooperationen im In- und Ausland. Für die Auswahl und Qualität der jungen Künstler bürgen ein hervorragend besetztes künstlerisches Kuratorium und die künstlerische Leitung der Stiftung. Unter dem Vorsitz von Vladimir Fedoseyev gehören dem Kuratorium so Musikerpersönlichkeiten wie Christoph Eschenbach, Mariss Jansons, Philippe Jordan, Zubin Mehta oder David Zinman an. Sie wirken für die von ihnen vorgeschlagenen Künstler als Mentoren und begleiten sie in den Konzerten. Die Stiftung und ihre Förderprogramme werden privat finanziert sowie durch namhafte Sponsoren und Gönner getragen.

Milestones

1990

Am 21. Februar wird in Zürich die Orpheum Stiftung zur Förderung junger Solisten gegründet und als gemeinnützig anerkannt. Das Projektteam, ergänzt durch Experten aus den Bereichen Kultur, Wirtschaft und Tourismus, nimmt unter der Leitung von Dr. Hans Heinrich Coninx die Planung des ersten Förderungszyklus auf. Orpheum ist von Anfang an international ausgerichtet, so gibt es für die Aufnahme ins Orpheum Förderungsprogramm keine Einschränkungen bezüglich Nationalität oder ethnischer Zugehörigkeit. Die Weltoffenheit der Stiftung sollte deshalb auch in der Wahl des Veranstaltungsortes zum Ausdruck kommen. Mit dem renommierten Kurort Bad Ragaz wird im Dreiländereck Schweiz-Deutschland-Österreich ein Partner gewonnen, der sich ausgezeichnet in dieses Konzept einfügt.

 

1991

31. August bis 8. September. Die Lokalzeitung «Sarganserländer» schreibt: Es ist ein ungewohntes Bild, das derzeit die Szene um den Kursaal in Bad Ragaz beherrscht. Da dominiert ein grosser, weisser Pavillon, dessen eleganter Zeltvorbau zum vorübergehenden Wahrzeichen des Kurortes wurde. Und da ist beinahe Tag und Nacht klassische Musik, die aus dem mobilen Konzertsaal dringt.» Es ist die Musik der ersten Konzertwoche «Orpheum Soloists in Concert». Auf dem Programm stehen verschiedene Konzertformate wie die hierzulande neuartigen Präsentationskonzerte, in welchen sich die jungen Musikerinnen und Musiker kammermusikalisch und im Gespräch mit Sir Peter Ustinov oder Rolf Liebermann dem Publikum vorstellen können, dann Solistenkonzerte für den grossen Auftritt, gefolgt von Kammermusikabenden mit renommierten Künstlern wie Nelson Freire und schliesslich die Aufführung des Verdi-Requiems in der Klosterkirche Einsiedeln. Im Mittelpunkt der Konzertwoche stehen sechs junge Musikerinnen und Musiker aus fünf Ländern, darunter zwei, die sich zu international erfolgreichen Künstlern entwickeln sollten: die beiden Cellisten Truls Mørk, Norwegen, und Xavier Phillips, Frankreich. Geleitet und begleitet wurden die jungen Künstler von Christoph Eschenbach, Mariss Jansons und Armin Jordan sowie von den Bamberger Symphonikern als Festivalorchester. Zum Leistungspaket für die Solisten gehört von Anfang an eine marktübliche Gage sowie eine Dokumentation über die Teilnahme im Orpheum Förderungsprogramm. Sie umfasst eine Anzahl CDs mit den Konzertmitschnitten, professionelles Fotomaterial und Konzertkritiken.

1993

«Orpheum Soloists on Tour» führt vier Solisten des ersten Orpheum Förderungszyklus mit einem kammermusikalischen Programm durch vier Schweizer Städte und nach Liechtenstein. Mit dieser Tournee erweitert die Stiftung ihr Förderungsangebot um gezielte Nachförderung durch Konzertauftritte im In- und Ausland.

 

1994

«Orpheum Soloists in Concert» zieht nach Zürich um und erhält im Opernhaus Gastrecht für den zweiten Förderungszyklus der Stiftung. In vier Konzerten kommen acht junge, vielversprechende Talente in den Genuss der Orpheum Förderung. Darunter auf Vorschlag von Kuratoriumsmitglied Edmond de Stoutz als erster Schweizer der erst 17-jährige Cellist Christian Poltéra. Im gleichen Konzert wie er ist auch die ebenfalls erst 17-jährige amerikanische Geigerin Jennifer Koh zu hören. Eine Begegnung, welche die beiden in den kommenden Jahren immer wieder zu Konzerten zusammenführen sollte. Damit erfüllte sich der im «Tages-Anzeiger» ausgesprochene Wunsch, dass die beiden auf dem Weg zu einer internationalen Solistenkarriere möglichst weit vorankommen, auf wunderbare Weise. Eine Besonderheit dieses Förderungszyklus ist das Konzertformat: Im ersten Teil des Konzerts können sich die Musikerinnen und Musiker kammermusikalisch und im Gespräch mit Kurt Aeschbacher vorstellen, im zweiten Teil als Solisten mit Orchester. Dieses Jahr sind dies das Orchester der Oper Zürich unter der Leitung von Mariss Jansons und Georges Prêtre, das Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken mit Marcello Viotti am Pult, welcher als Mentor zwei Sänger nach Zürich mitbrachte, sowie das Tschaikowsky-Sinfonieorchester des Moskauer Rundfunks unter Vladimir Fedoseyev. Die Einladung dieses Klangkörpers markiert gleichzeitig den Beginn einer langjährigen Freundschaft und Kooperation. Dank der Zusammenarbeit mit dem Schweizer Fernsehen S Plus (später SRF 2) werden die jungen Musikerinnen und Musiker weit über den Konzertsaal hinaus bekanntgemacht.

1995

«Sternstunden in der Zürcher Tonhalle» ist das Fazit der «Sonntagszeitung» über das erste Extrakonzert «Orpheum Soloists in Concert» der Stiftung. Es ist gleichzeitig der Beginn einer dauerhaften Kooperation mit dem Tonhalle-Orchester Zürich. Im Sinne der Nachförderung legen in diesem Konzert der Schweizer Cellist Christian Poltéra und die amerikanische Geigerin Jennifer Koh Zeugnis ihrer künstlerischen Reife und Leistungsfähigkeit ab. Sie werden begleitet vom Tonhalle-Orchester Zürich unter der Stabführung von Marcello Viotti. Das Konzept des Extrakonzerts als Plattform für die Nachförderung von Orpheum Solisten oder in Kombination mit Neuentdeckungen erweist sich bezüglich Förderungs- und Publikumswirksamkeit als sehr erfolgreich.

 

1996

Die Konzertwoche unter dem neuen Namen «Internationale Orpheum Musikfesttage zur Förderung junger Solisten» wird mit einer neuen Förderungsplattform, dem «Offenen Konzertpodium», ergänzt. Auf dieser Plattform erhalten junge, künstlerisch ebenso interessante Talente, die jedoch in der Schweiz leben oder studieren müssen, einen Rezitalabend, dessen Programm sie selbst gestalten können. So entstehen 1996 und 1998 innovative Konzertprogramme für ein kammermusikaffines Publikum. Die 1996 beginnende Zusammenarbeit mit Schweizer Radio DRS 2 (später Radio SRF 2 Kultur) unterstützt das Bestreben der Stiftung, die Geförderten einer breiten Öffentlichkeit bekanntzumachen.

1997

Mit dem Ziel, die Nachhaltigkeit der Orpheum Förderung wirkungsvoll weiterzuentwickeln, gestaltet die Stiftung Kooperationsprogramme mit dem Tschaikowsky-Sinfonieorchester des Moskauer Rundfunks und den Salzburger Osterfestspielen. So kann die Stiftung auf Einladung von Claudio Abbado während einigen Jahren Kammermusikprogramme an den Osterfestspielen mit Orpheum Solisten gestalten.

 

2000

Die künstlerische Leitung programmiert neben vier Solistenkonzerten erstmals zwei Konzerte unter dem Titel «Orpheum Public Award for Mozart». Damit will die Stiftung jungen Interpreten die Möglichkeit geben, sich mit der Spielweise und den Stilfragen bei Mozart intensiver auseinanderzusetzen und gleichzeitig ihr Können im Wettstreit mit Konkurrenten unter Beweis zu stellen. Dem Publikum ist in diesen Konzerten eine aktive Rolle zugedacht. Mit seiner Stimme kann es jenen Künstler mit dem Publikumspreis auszeichnen, welcher aus seiner Sicht Mozart am überzeugendsten interpretiert hat. Die Idee zu diesen Konzerten kommt vom Dirigenten Howard Griffiths, der 2001/2002 die künstlerische Leitung der Stiftung von Mischa Damev übernehmen wird. Der «Orpheum Public Award for Mozart» wird dieses Jahr für Violine vergeben, in den kommenden Jahren für Klavier (2002, 2006, 2011) und für Gesang (2004). In diesen Konzerten werden die jungen Künstler geleitet von Howard Griffiths und begleitet von so namhaften Kammerorchestern wie dem Zürcher Kammerorchester ZKO, den London Mozart Players oder dem Orchestra of the Age of Enlightenment.

2002

Die 6. Internationalen Orpheum Musikfesttage zur Förderung junger Solisten finden neben Zürich erstmals auch in Basel statt. Möglich wird dies durch die Zusammenarbeit mit dem Basler Unternehmen Ciba Spezialitätenchemie AG als Co-Veranstalter – eine erfolgreiche Kooperation, die bis 2008 andauern sollte. Das Festival ist mit drei Solistenkonzerten in Zürich, einem Solistenkonzert in Basel, dem «Public Award for Mozart» und dem Orpheum Klassik-Marathon – einem musikalischen Streifzug junger Interpreten durch die Epochen der klassischen Musik –, der bisher vielseitigste und farbigste Förderungszyklus. Um nicht nur ausübende Interpreten zu unterstützen, sondern auch den komponierenden Nachwuchs ins Orpheum Förderungsprogramm einzubeziehen, hat die Stiftung mit dem 30-jährigen Engländer Edward Rushton erstmals einen «Composer in Residence» eingeladen und mit einem Werkauftrag versehen. «Rounds», so der Titel des Werkes, wird am Eröffnungskonzert mit dem Tonhalle-Orchester Zürich unter der Leitung von Jonathan Nott uraufgeführt. In den kommenden Jahren wird diese Förderung weiteren vier Nachwuchskomponisten zuteil.

 

2003

Klangzauber und Taktstockmagie. Der lebendige Wandel in der Gestaltung der Konzerte und Förderprogramme hat mittlerweile Tradition bei Orpheum. Dieses Jahr schreibt die Stiftung erstmals international eine «Orpheum Conductors’ Master Class» aus und unterstützt damit den dirigierenden Nachwuchs. Der Meisterkurs steht unter der Leitung von Colin Metters und Howard Griffiths sowie David Zinman und Peter Wettstein als «Guest Lectures» Zusammen mit dem Zürcher Kammerorchester ZKO erarbeiten die jungen Dirigentinnen und Dirigenten das Programm für das Abschlusskonzert in der Tonhalle Zürich, das neben dem traditionellen Extrakonzert stattfindet. Geleitet wird das Konzert von den fünf begabtesten Absolventen des Meisterkurses.

2004

Entsprechend der Kernidee fördert die Stiftung von Anfang an vor allem die klassischen Soloinstrumente Violine, Violoncello und Klavier. Immer wieder aber lädt sie junge, künstlerisch interessante Talente ein, die in «exotischen» Fächern zu Hause sind, wie beispielsweise Fagott, Gitarre, Harfe, Saxophon, Trompete oder Percussion. Ein solches Ausnahmetalent ist der erst 21-jährige Salzburger Percussionist Martin Grubinger mit einer Vorliebe für die vibrierenden Klänge der Marimbas. Im Solistenkonzert in Basel interpretiert er mit dem Tonhalle-Orchester Zürich unter Vassily Sinaisky Keiko Abe’s «Prism Rhapsody» für Marimba und Orchester – in T-Shirt und Turnschuhen. Später wird Martin Grubinger im Bayerischen Fernsehen das Musikmagazin «Klickklack» moderieren und an allen grossen Konzerthäusern und Festivals zu Hause sein.

 

2006/
2008

Als Besonderheit und Ausdruck der Offenheit der Orpheum Stiftung stehen an den Orpheum Musikfesttagen 2006 und 2008 zwei Projekte auf dem Programm, die der Minimal Music und den neuesten Tendenzen in der elektronischen Musik und ihrer anverwandten Disziplinen verpflichtet sind. 2006 ist es das Konzert mit dem London Steve Reich Ensemble mit Werken von Steve Reich. Die im Rahmen dieses Konzerts für das Label CPO realisierte CD wird in der Folge mit einem «Diapason d’Or» ausgezeichnet und findet international grosse Beachtung. 2008 bringt die Stiftung unter dem Titel «Juilliard@orpheum» Studierende der Juilliard School New York mit Studierenden der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) für ein gemeinsames, workshopartiges Konzert zusammen und ermöglicht ihnen, dem Publikum Kostproben des interdisziplinären Schaffens der New Yorker Musikszene zu präsentieren. Mit einem weiteren Kooperationspartner, dem Brandenburgischen Staatsorchester Frankfurt an der Oder, eröffnen sich für ausgewählte Orpheum Solisten zusätzliche Auftrittsmöglichkeiten in Deutschland.

2013

Die diesjährigen Orpheum Musikfesttage warten mit drei Solistenkonzerten auf und präsentieren neben vielversprechenden Talenten aus Deutschland, Russland, Südkorea und den Vereinigten Arabischen Emiraten auch zwei Künstler aus der Schweiz: die 21-jährige Cellistin Chiara Enderle, die Anfang Jahr am Internationalen Lutoslawski-Wettbwerb in Warschau mit dem 1. Preis sowie zwei Spezialpreisen ausgezeichnet wurde, und den zwei Jahre älteren Trompeter Fabian Neuhaus. Als bedeutende Ergänzung zum bewährten Förderungsprogramm für Orpheum Solisten kann den Solisten dank der neuen Partnerschaft mit der Bank Julius Bär erstmals ein hochprofessionelles Medien- und Kommunikationstraining angeboten werden.

2015

25 Jahre Orpheum Stiftung zur Förderung junger Solisten. Das Jubiläum begeht die Stiftung im Rahmen der Internationalen Orpheum Musikfesttage in der Tonhalle Zürich. In vier Solistenkonzerten konzertieren sieben Solisten mit dem Tschaikowsky-Sinfonieorchester des Moskauer Rundfunks unter Vladimir Fedoseyev, den Wiener Symphonikern unter Philippe Jordan, dem Tonhalle-Orchester Zürich unter Sir Neville Marriner und dem Baltic Sea Youth Philharmonic mit Kristjan Järvi am Pult. Der weltweit erfolgreiche Geiger Nicolaj Znaider vertritt als ehemaliger Orpheum Solist die in den 25 Jahren geförderten Musikerinnen und Musiker. In 83 Förderkonzerten kamen insgesamt 143 Musikerinnen und Musiker, elf Ensembles und je fünf Komponisten und Dirigenten in den Genuss der Orpheum Förderung. Zur Aufführung kamen 208 Werke von 100 Komponisten.